TIERE FÜR WORRI
2025

Leben am Worringer Platz – „Hier wird Düsseldorf zu Düsselstadt“

Ein Text von Verena Kensbock, veröffentlicht am 13.06.2025; 05:15 Uhr, Rheinischen Post



Düsseldorf · Fotograf Christoph Westermeier lebt und arbeitet am Worringer Platz – gerne, wie er betont. Für ihn ist die Stadt nirgends so urban wie im Bahnhofsviertel. Das verbindet er in seiner Kunst.

Von den Wohnzimmerfenstern ist der Blick am besten. Er schweift über die große Kreuzung, die abwechselnd Autos und Busse, Fußgänger und Radfahrer kreuzen, direkt auf den Worringer Platz. Dieses von Bahngleisen zerschnittene Dreieck, das bis vor Kurzem der Treffpunkt der Drogenszene in Düsseldorf war, sieht von hier oben unerwartet grün aus. Die Bäume breiten ihre Kronen über den Platz aus, es wirkt friedlich.

Diesen Ausblick aus seinem Wohnzimmerfenster dokumentiert Christoph Westermeier seit vier Jahren mit seiner Kamera. Mal spiegeln sich die Lichter auf dem nassen Asphalt, mal ziehen die Autos Spuren in den Schnee, mal wandert eine herausgerissene Toilettenschüssel von einer Verkehrsinsel zur anderen. Das Bild vom Worringer Platz verändert sich, von Tag zu Tag, von Sommer zu Winter. Doch es ist immer schön, findet Christoph Westermeier.

Es war die Neugierde, die den Künstler und Vorsitzenden des Malkastens zur Wohnungsbesichtigung an den Worringer Platz lockte. Er lebte zuvor in einer Wohnung in Bilk mit Dachterrasse und Garten, komplettes Kontrastprogramm, wie er sagt. „Dann schlug die Gentrifizierung zu.“ Das Haus wurde verkauft, er musste die Wohnung verlassen. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause wollte er es nicht versäumen, hinter die Fassade des Eckhauses mit dem An- und Verkauf im Erdgeschoss zu blicken.

Und er wurde überrascht. Eine großzügige Wohnung im vierten Stock, Parkettboden, hohe Wände mit genügend Platz für die meterlangen Bücherregale voller Bildbände, große Fenster, umrahmt von bodentiefen Vorhängen, mit dem Blick auf den Worringer Platz. „Ich wusste sofort: Das passt“, sagt Westermeier. Seit dem Umzug seien er und sein Partner oft bedauert worden. „Oh, ihr Armen. Ihr müsst am Worringer Platz wohnen“, wiederholt er das vermeintliche Mitgefühl. „Aber nein, wir wohnen gerne hier“

Für Christoph Westermeier ist die Stadt nirgends so urban wie am Worringer Platz. „Hier wird Düsseldorf zu Düsselstadt“, sagt er. Der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie kennt die Ecke noch aus der Zeit, als dort das Nachtleben pulsierte. Er erinnert sich an Partys in der „Botschaft“, die mal Operettenhaus, mal Baumarktfiliale und mal Theaterbühne war. An den Single-Club, den Kunststudenten in der Eckkneipe „Agis Bistro“ veranstalteten. An Ausstellungen in dem Glashaus mitten auf dem Platz. „Der Worringer Platz war immer ein Ort der Kunst“, sagt Westermeier.

Mittlerweile kennt er das Viertel nicht nur als nächtlicher Besucher, sondern auch als Anwohner. Trotz der Urbanität sei die Nachbarschaft „fast dörflich“, sagt Westermeier. Er grüßt die Nachbarn, die er im Aufzug trifft, und zeigt die Postkarte, die eine ehemalige Hausbewohnerin zu Ostern geschickt hatte. Nirgendwo habe er eine solche Gemeinschaft erlebt, wie am Worringer Platz. „Es ist eben ein Ort, auf den alle von außen blicken“, sagt Westermeier. „Da muss man zusammenhalten.“

Wer am Worringer Platz wohnt, darf nicht zimperlich sein. Viele Anwohner wie Christoph Westermeier schätzen die Urbanität mit all ihren Vor- und Nachzügen, das Raue, das Bunte, das Laute. Doch in den vergangenen Jahren machten sich in dem Bahnhofsviertel erst Unmut, später auch Angst breit. Die Drogenabhängigen, die unter dem Einfluss von Crack immer verelendeter und aggressiver wurden, setzten dem Platz zu. Die Reaktion der Stadt: Ein neues Sicherheitsprojekt und ein Kahlschlag auf dem Worringer Platz.

Die Pizzeria, die Bänke aus Glasbausteinen, das Glashaus, das als Ausstellungsraum diente – alles wurde innerhalb von kurzer Zeit abgerissen. Stattdessen stehen nun einige Metallbänke auf dem Platz und sonst nichts. „Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell sich die Veränderung vollzogen hat“, sagt Westermeier. Die Drogenszene verlagerte sich in andere Straßen am Hauptbahnhof, stattdessen sitzen jetzt im Sommer Eis essende Passanten auf dem Platz. „Es ist wieder Leben da.“

Selbst dem Glashaus trauert der Künstler nicht nach. „Man kann Kunst nicht als Make-up benutzen“, sagt er. Die Ausstellungen seien dem Platz ausgeliefert gewesen. Irgendwann waren die Scheiben zerbrochen, Abhängige rauchten Crack neben den Kunstwerken. Ebenso wie die Glasbänke hatte das Haus der Realität nicht standgehalten.

Auch diesen Prozess hat Christoph Westermeier in seine künstlerische Arbeit einfließen lassen und fotografisch dokumentiert. Die Bilder hat er aus seiner Wohnung aufgenommen. Aus der Vogelperspektive ziehen Frühling, Sommer, Herbst und Winter wie auf Wimmelbildern über den Platz hinweg. Durch Doppelbelichtungen hat der Künstler auch Schwäne, Kühe, Pferde und Ziegen mitten in den urbanen Raum versetzt, wie in einem Märchen.

Und in der Realität? Derzeit gebe es noch viel Leerstand, sagt Christoph Westermeier. Er ist sich aber sicher, dass der Worringer Platz sich entwickelt – auf dem Weg nach oben. Ein starker Kontrast würde dem Platz guttun, er denkt da an eine hochwertige Weinbar.





Text: Verena Kensbock, veröffentlicht am 13.06.2025; 05:15 Uhr, Rheinischen Post

Dokumentation Eröffnung: BWE_10eG_visual, Einzelbilder: Christoph Westermeier, Inkjet auf Buchseite, verschiedene Größen, 2025


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Life at Worringer Platz – “This is where Düsseldorf becomes Düsselstadt”

An article by Verena Kensbock, published on 13 June 2025; 05:15, Rheinische Post

Düsseldorf · Photographer Christoph Westermeier lives and works at Worringer Platz – happily, as he emphasises. For him, nowhere in the city is as urban as the station district. He captures this in his art.

The view is best from the living room windows. His gaze sweeps over the large junction, where cars and buses, pedestrians and cyclists criss-cross, straight onto Worringer Platz. This triangle, bisected by railway tracks, which until recently was the meeting place for Düsseldorf’s drug scene, looks unexpectedly green from up here. The trees spread their crowns over the square; it seems peaceful.

Christoph Westermeier has been documenting this view from his living room window with his camera for four years. Sometimes the lights reflect off the wet tarmac, sometimes cars leave tracks in the snow, sometimes a torn-out toilet bowl wanders from one traffic island to another. The image of Worringer Platz changes, day by day, from summer to winter. But it is always beautiful, says Christoph Westermeier.

It was curiosity that drew the artist and chairman of the Malkasten to view a flat on Worringer Platz. He had previously lived in a flat in Bilk with a roof terrace and garden – a complete contrast, as he puts it. “Then gentrification struck.” The building was sold, and he had to leave the flat. Whilst searching for a new home, he didn’t want to miss the chance to look behind the façade of the corner building with the estate agents on the ground floor.

And he was surprised. A spacious flat on the fourth floor, parquet flooring, high walls with enough space for metre-long bookshelves full of coffee-table books, large windows framed by floor-to-ceiling curtains, with a view of Worringer Platz. “I knew straight away: this is it,” says Westermeier. Since moving in, he and his partner have often been met with pity. “Oh, you poor things. You have to live at Worringer Platz,” he repeats the supposed sympathy. “But no, we’re happy living here”

For Christoph Westermeier, nowhere in the city is as urban as Worringer Platz. “Here, Düsseldorf becomes Düsselstadt,” he says. The graduate of the Düsseldorf Art Academy still remembers the area from the days when its nightlife was in full swing. He recalls parties at the “Botschaft”, which was by turns an operetta house, a DIY store and a theatre stage. The singles’ club that art students organised at the corner pub “Agis Bistro”. Exhibitions in the glass house in the middle of the square. “Worringer Platz has always been a place of art,” says Westermeier.

He now knows the neighbourhood not only as a night-time visitor, but also as a resident. Despite its urban character, the neighbourhood is “almost village-like”, says Westermeier. He greets the neighbours he meets in the lift and shows the postcard a former resident sent at Easter. Nowhere else has he experienced such a sense of community as at Worringer Platz.

“It’s simply a place that everyone looks to from the outside,” says Westermeier. “So you have to stick together.”

Anyone living at Worringer Platz can’t be squeamish. Many residents, like Christoph Westermeier, appreciate the urban atmosphere with all its pros and cons – the rough edges, the colour, the noise. Yet in recent years, discontent and later fear began to spread through the station district. The drug addicts, who grew increasingly destitute and aggressive under the influence of crack, were taking their toll on the square. The city’s response: a new security project and a clear-out at Worringer Platz.

The pizzeria, the glass-brick benches, the glass house that served as an exhibition space – everything was demolished within a short space of time. Instead, there are now a few metal benches on the square and nothing else. “It’s fascinating to see how quickly the change has taken place,” says Westermeier. The drug scene shifted to other streets near the main station; instead, in summer, passers-by now sit on the square eating ice cream. “There’s life there again.”

The artist doesn’t even mourn the loss of the glass house. “You can’t use art as make-up,” he says. The exhibitions were at the mercy of the square. At some point the panes were smashed, and addicts were smoking crack next to the artworks. Just like the glass benches, the structure had not withstood reality.

Christoph Westermeier has also incorporated this process into his artistic work and documented it photographically. He took the pictures from his flat. From a bird’s-eye view, spring, summer, autumn and winter sweep across the square as if in a hidden-object puzzle. Using double exposures, the artist has also placed swans, cows, horses and goats in the middle of the urban space, as if in a fairy tale.

And in reality? There are still a lot of vacant properties at the moment, says Christoph Westermeier. However, he is certain that Worringer Platz is developing – on the way up. A strong contrast would do the square good; he is thinking of a high-quality wine bar.





Text: Verena Kensbock, published on 13 June 2025; 05:15, Rheinische Post

Documentation of the opening: BWE_10eG_visual, individual images: Christoph Westermeier, inkjet on book page, various sizes, 2025