-DER APPROPRIATOR-
2025/6

Das Skript einer Lecturperformance über Max Ernst und seine Sammlung außereuropäischer Kunst.

Erstmals aufgeführt im Max Ernst Museum des LVR 2025, überarbeitet und anlässlich des 50. Todestags von Max Ernst am 1. April 2026, einen Tag vor seinem Geburtstag, im Max Ernst Museum erneut aufgeführt.

Raum 1
Ein abweisendes Schweigen hing an diesem zweiten Apriltag des Jahres 1976, also Morgen vor fünfzig Jahren, über den Gräbern des Pariser Friedhofs. Es schien steingrau zwischen den kaum knospenden Bäumen, die mit ihren Kronen den Verkehrslärm des Boulevards dämpften, und mit ihren Wurzeln liebkosten, was von Colette und Daumier geblieben ist.

Nur acht von uns hatten kommen dürfen. Die Trübseligkeit der Kapelle mit ihrer Konservenmusik hatte uns hinausgetrieben, und da standen wir verloren herum, ein paar einsame Gestalten in dieser befremdlichen Umgebung. Paris kann gnadenlos sein in seiner Schönheit, kann dir Tränen abnötigen für jeden Stein, der an seiner grandeur mitgebaut hat. Jeder Atemzug erschließt eine Tür des Erinnerns an Tragisches und Heiteres.

Im Jahr 1965, vor 61 Jahren also, hatten mein Vater und ich uns im französischen Fernsehen das Staatsbegräbnis für den Architekten Le Corbusier angesehen, eine lange Prozession trauernder Würdenträger und der berittenen Garde Républicain. Damals hatte Max die Befürchtung geäußert, weil er die Ehrenlegion angenommen habe, könnte sein eigener Tod ein ähnliches Spektakel auslösen. Er hinterließ die strikte Anweisung, seine Bestattung solle ohne jedes Aufsehen vor sich gehen. Von der Familie sollten nur Dorothea Tanning-Ernst, seine letzte Frau, eine ihrer Nichten und eine Nichte von Max, meine Frau Dallas und ich, sowie sein Rechtsanwalt und dessen Frau anwesend sein, außerdem noch der Kunsthistoriker Werner Spies, der sich das uneingeschränkte Vertrauen meines Vaters erworben hatte.

Max Ernst ist am 1. April 1976, also heute vor fünfzig Jahren, nur wenige Stunden vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag, in der Rue de Lille gestorben, in der Wohnung, wo er ein Jahr gelegen hatte, bewegungsunfähig durch einen Schlaganfall. Zwei Tage später füllten Besucher in kleinen Trauben die Wohnräume im Erdgeschoß – manche nicht völlig sicher, wie willkommen sie wären, andere noch immer schockiert, dass vom Privatheitsgebot für die Beisetzung selbst keine Ausnahmen gemacht worden waren, nicht einmal für alte Freunde, die quer durch Frankreich angereist waren und sich dann am Friedhof ausgesperrt sahen.

Es war nicht bloß das Verstreichen der Zeit oder der Tod, was mich vergeblich nach vertrauten Gesichtern Ausschau halten ließ an jenem Pariser Spätnachmittag. Während seiner letzten Jahre hatte sich um Max unvermeidlich ein innerer Kreis gebildet, der ihn von vielen seiner treuen Freunde und Bewunderer einfach isolierte.

Es gab mir einen Stich, als ich aus all dem Gemurmel eine Frage heraushörte, die an mich gerichtet war: „…all die schönen Sachen hier an den Wänden…viele davon werden Ihnen gehören. Was machen Sie damit?“ Ich fürchtete, mich zu betrinken, wenn ich hierbliebe.


Dieser Text ist der Beginn des Buches, NICHT GERADE EIN STILLEBEN, dass Jimmy Ernst in Erinnerung an seinen Vater Max Ernst 1984 veröffentlichte.

Die Provenienz dieser Zeilen ist also klar, doch welche anderen Geschichten von Provenienzen gibt es. Welche Geschichte erzählen Objekte und was können wir daraus lesen?

Wie gehen Museen mit Provenienzen um und welche Vorgehensweisen gibt es auf der Welt?


Raum 2
Max among some of his favorite Dolls // Foto Hund Kachina

Kachina, Max Ernst nannte den Hund der Peggy Guggenheim Kachina und die Hunde der Dorothea Tanning.

Kachina - so sagt die Deutsche Wikipedia Seite -  Katchina oder Katsina bezeichnet in den Kulturen der Hopi, Zuni und anderer Pueblo-Indianer im Südwesten der Vereinigten Staaten drei Erscheinungen: den Geist einer Naturerscheinung in Form eines Tieres, einer Pflanze, eines Ahnen etc., den maskierten Tänzer, der diesen Geist darstellt, und die figürliche Darstellung desselben.

Die Schreibweise Katsina stammt aus der Sprache der Hopi. Der Plural Katsinam gilt nur für die Geister und die Tänzer, denn diese Form ist lebenden Wesen vorbehalten.[1] Katsinam wirken als Vermittler der Gebete der Menschen an die Götter für den in dieser Region wichtigen Regen. Aus diesem Grund werden sie als höhere Wesen betrachtet.[2]

Puppen sind ein Teil, es gibt das Übersinnliche und es gibt den Tanz.

Hier werden die Fragen ermittelt, wie Tourismus und die Vermarktung von religiös geprägten Objekten ihre Erscheinung verändert hat. Der Kapitalmarkt hat die Form der Katsina verändert und dem westlichen Geschmack angepasst.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass es Fotoverbot der Tänze ab 1912 und 1917 gab!

Sammlung Max Ernst
Achtzehn Kachina Figuren finden sich auf der Seite der National Gallery of Australie in Canberra, Australien.

This work of art has been identified as requiring focused research. The National Gallery of Australia welcomes further information regarding this work of art’s history of ownership. Details may be refined and updated as research progresses. If you have any information please email us at provenance@nga.gov.au.

Credit Line

Max Ernst Collection, purchased 1985
Provenance: bought by Max Ernst (1891–1976) in the early 1940s; by descent to his widow, Dorothea Tanning (1910–2012), in 1976; with Douglas Ewing, New York, 1983; from whom bought by the Australian National Gallery, Canberra, October 1985


Raum 3
„In einem Handelsposten für Touristen in Grand Canyon sahen wir beide uns in dem normalerweise geschlossenen Dachgeschoß des Gebäudes plötzlich von einer Flut alter Kachinapuppen der Hopi und Zuni umgeben. Der frisch eingestellte Manager, ein Vertriebs-Experte aus Chicagos Marshall Fields-Warenhaus, folgte uns die Treppe hinauf, wobei er über die Schulter jemandem zuschrie: „Wir müssen den ganzen alten Krempel loswerden, wir brauchen den Platz für neue Ware.“ Max kaufte die Kachinas fast bis zur letzten für fünf Dollar das Stück und sieben Dollar für die größeren Zuni-Puppen.“

Der Wert von fünf Dollern 1940 zu heute entspricht 115 Euro
Jimmy Ernst „Nicht gerade ein Stilleben“.


Wir fuhren zum Grand Canyon. Max Stellte gerade ein paar Bilder in San Francisco aus, deshalb schlug ich Max vor, hinzufahren und mir später nachzukommen. Aber er fürchtete vielleicht, mich zu verlieren, und so begleitete er mich. An Grand Canyon ließ ich ihn mit Jimmy allein und fuhr weiter. Beim Abschiedskuss fragte Max wie ein verzweifeltes Kind: Wirst Du jemals zurückkommen?

Zwei Tage lang wanderte er allein umher, weil er sich nicht dazu durchringen konnte, mit Jimmy zu reden. Er fand einen Laden voll wunderbarer Indianermasken, Totempfähle und Kachina-Puppen. Die wollte er alle kaufen. Da er plötzlich reich geworden war, musste er wie ein kleiner Junge alles haben, was ihm gefiel. Ich versuchte ihn zu bremsen. Aber letzten Endes setzte er seinen Willen doch immer durch.

Während Max immer mehr seiner Bilder verkaufte, erwarb er zahlreiche indianische und präkolumbianische Kunstwerke, auch Stücke aus Alaska und Neu-Guinea. Da in unserem Haus nur sehr wenige Möbel standen, kamen diese Sachen gut zur Geltung. Max spürte einen kleinen Mann namens Carlebach auf. Oder Mr. Carlebach machte eher ihn ausfindig und überließ ihm seine einschlägige Sammlung auf Kredit. Max bezahlte ihn, wann immer er ein Bild verkaufte. Dass er nichts zu den Haushaltskosten beisteuerte, ärgerte mich sehr.  Bald legte Max nicht einmal mehr Geld für seine Einkommenssteuer beiseite. Carlebach rief ihn fast täglich an und bat ihn, seinen Laden aufzusuchen und die neuen Stücke zu begutachten, die er für ihn gefunden hatte. Dauernd rannte er herum und stöberte Sachen auf, die Max gefallen könnten. Seine Findigkeit und sein Tatendrang kannten keine Grenzen. Sogar mit Museen machte er Geschäfte und entlockte ihnen Kunstwerke für Max. Als er erfuhr, ich würde Ohrgehänge sammeln, brachte er mir sofort eine Riesenkollektion, die er mir verkaufen wollte. Aber ich ließ mich nicht breitschlagen, im Gegensatz zu Max, der mir ein schönes Paar länglichrunder spanischer Perlen schenkte. Ich widerstand auch allen weiteren Bemühungen Carlebachs, nachdem ich gemerkt hatte, welche Gefahr von seinen Totempfählen und Masken ausgingen. Eines Tages erwarb Max ein schönes bemaltes Holztier, das wie eine Grabgabe aussah. Dann erklärte er mir, er habe einen kleinen Tisch gekauft, doch der glich eher einer Wiege. Eine Zeitlang schwärmte er für Holzpferde. Das ganze Haus war voll davon. Außerdem erstand er einen sieben Meter hohen Totempfahl aus British Colombia, ein beängstigendes Ding, das ich nur ungern in meinem Heim duldete.

Aus dem Buch Peggy Guggenheim ICH HABE ALELS GELEBT.

Tourismus / Nachbau
Museum oder Trödelladen


Raum 4
Sothebys, 2020
Descriptiont
KACHINA, HOPI, ARIZONA
27 cm ; 10 3/5 inch ; by. 28 cm ; 11 inch
Condition Report
Provenance
Collection Max Ernst
Collection Anne et Jacques Kerchache, Paris
Collection Roberto Matta, Paris
Galerie Flak, Paris
Estimate
30,000 - 50,000 EUR

Aufgrund der Seltenheit seiner Ikonografie, der Vollendung seiner Ausführung und der langen Liste von Sammlern, die seine Schönheit bewundert haben, gilt dieses Werk als Meisterwerk der Hopi-Kunst.
3. April 2025 Facebook Seite  Lee Miller Archiv

Der Text, original in  Englisch, übersetzt ins Deutsche, sagt:
Max Ernst trägt eine traditionelle „Kachina“-Maske, die das alltägliche Bild eines Mannes, der Heimwerkerarbeiten verrichtet, in eine surrealere Ebene verwandelt.
Wischen Sie, um Max ohne Maske zu sehen!
Max Ernst, einer der Gründer der Kölner Dada-Bewegung im Jahr 1919, wurde zum bedeutendsten Maler des Surrealismus. Seit den 1920er Jahren in Paris war er ein enger Freund von Lee Miller und Roland Penrose. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh er aus Frankreich und ließ sich mit Dorothea Tanning in Sedona, Arizona, nieder. Und genau dort finden wir ihn – beim Bau seines Ateliers in Sedona.

Max besuchte Lee Miller und Roland Penrose auch oft in ihrem Haus Farleys in Sussex. Mehr über das „Zuhause der Surrealisten”, das heute seine Türen für die Saison öffnet, erfahren Sie auf der Website von Farleys House and Gallery (Link in der Biografie).

Farleys House & Gallery ist vom 3. April bis zum 31. Oktober geöffnet.

Bilder: 📸Max Ernst mit Kachina-Maske, Oak Creek Canyon, Arizona, USA 1946 von Lee Miller

Wischen Sie zu… 📸Max Ernst, Oak Creek Canyon, Arizona, USA 1946 von Lee Miller © Lee Miller Archives, England 2025. Alle Rechte vorbehalten.

Die Traditionelle Kachina Maske ist keine traditionelle Maske, sondern eine nachgebaute Maske.

Warum sehen wir das Bild nicht?

Fotoverbot 1912 und 1917

Aby Warburg machte noch Fotos bei seiner Reise 1895 und hier zeigt sich ein Sinneswandel

Umgang, Aneignung


Fotoverbot steht für Empowerment.

Dennoch gab es „Völkerschauen“ bis 1958 in Brüssel und 1959 auf dem Oktoberfest.



Jimmy Ernst erinnert sich an so eine „Völkerschau“ Ende der 1920er Jahren im Kölner Zoo.


„Lauthals protestierte Lou Strauss-Ernst bei den Kölner Behörden, dass hier ein Volk zur Schau gestellt würde, dessen Kultur, wenn sie auch anders sei, Achtung verdiene und nicht lächerlich gemacht werden dürfe, indem man diese Menschen zeige wie Monster auf dem Jahrmarkt oder wilde Tiere im Käfig. Der Herr Stadtdirektor für Kultur wies hoheitsvoll ihre Ansichten zurück it dem Argument, die Stadt brauche die Einnahmen, und im übrigen werde der Stamm nach seiner Deutschlandreise mit gehobenerem Lebensstandard nach Afrika zurückkehren. Lou ließ es dabei nicht bewenden und schrieb einen beißenden Artikel für ihre Zeitung, in dem es hieß, sie schäme sich, unabsichtlich zugelassen zu haben, dass ihr Sohn Zeuge dieser Grausamkeit geworden sei. Noch aufgebrachter wurde sie, als sich infolge ihres Artikels die Besucherzahlen im Zoo verdoppelten.

Dokumentationsfotos der Lecturperformance Der Appropriator und Bilder aus der Ausstellung Sedona Vogel, Max-Ernst-Museum des LVR Brühl, 2025/6